
Die Unterseite des Sofas fühlt sich rau an, fast wie unbehandeltes Holz, wenn ich vorsichtig mit der flachen Hand darunter taste. Das mache ich inzwischen fast automatisch, bevor ich mich davor auf den Boden setze und versuche, mit meiner Tierschutzkatze aus Rumänien in Kontakt zu kommen – ohne zu drängeln, ohne etwas zu erwarten, nur mit der Absicht, ihr einen sicheren Raum zu geben. Seit ich vor zwei Monaten mit einem Tierkommunikation-Basiskurs angefangen habe, dreht sich bei mir fast alles um eine Frage: Wie schaffe ich mentale Unterstützung für eine Angstkatze, die bei jeder schnellen Bewegung zusammenzuckt?
Mittags mache ich oft einen Umweg über das Spinnereigelände in Leipzig, wo aus alten Fabrikhallen längst Ateliers und Cafés geworden sind, nur um kurz den Kopf freizubekommen, bevor ich abends wieder zuhause vor dem Sofa sitze.
Vier Jahre alt ist sie, mit dem ISO-Ländercode RO in ihrem EU-Heimtierausweis vermerkt – ein trockener, bürokratischer Fakt für ein Tier, das seit sechs Monaten unter meinem Sofa haust, als wäre es dort geboren.
Was bei meiner Angstkatze nicht funktioniert hat
Ich habe in den ersten Monaten fast alles versucht, was mir vernünftig erschien. Ihr vorgelesen. Mich mit dem Rücken zu ihr stundenlang auf den Boden gelegt. Leckerlis in einer Spur bis zur Sofakante gelegt. Nichts davon hat sie schneller herausgeholt.
Beim Tierarzt artet es jedes Mal in ein DRAMA aus – sie schreit in der Transportbox so laut, dass die Nachbarin einmal an die Tür geklopft hat, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Die Tierärztin sagt, körperlich sei nichts falsch mit ihr. Ein paar professionelle Tipps haben wir befolgt. Geändert hat sich dadurch: nichts.
Braucht sie wirklich drei Näpfe, um sich zu entscheiden?
Einmal habe ich ihr an einem Abend drei verschiedene Futtersorten gleichzeitig hingestellt, um endlich herauszufinden, was sie eigentlich mag. Ergebnis: Sie hat keine einzige davon angerührt, solange ich im Raum war. Am nächsten Morgen habe ich drei halbverschmähte Näpfe weggeräumt, ohne schlauer zu sein als vorher. Wenn überhaupt, hat die Auswahl sie misstrauischer gemacht – als hätte ich ihr eine Prüfung hingestellt statt eine Mahlzeit.
Danach war ich an einem Punkt, an dem mir vieles egal war. Eine Bekannte hatte beiläufig Tierkommunikation erwähnt, ich hatte gelacht, laut sogar – ich bin Grafikdesignerin, ich arbeite mit Pixeln und klaren Rastern, nicht mit irgendwas, das man nicht in einer Pantone-Tabelle nachschlagen kann. Trotzdem habe ich mich für einen Online-Basiskurs angemeldet. Zu 70 Prozent bin ich immer noch skeptisch. Aber die restlichen 30 Prozent haben mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Weniger tun, mehr da sein
Im Kurs geht es unter anderem um mentale Bilder – dazu gibt es an anderer Stelle mehr, hier nur so viel: Es hat mich zunächst mehr irritiert als beruhigt, abends dazusitzen und einer Katze unter dem Sofa etwas zuzusenden, das ich mir selbst kaum vorstellen konnte. KOMMT DIR DAS AUCH VERRÜCKT VOR? Mir schon, fast täglich aufs Neue.
Begriffen habe ich vor allem eins: Mein ständiges vorsichtiges „Na, kommst du raus?" war für sie vermutlich genauso viel Stress wie lautes Rufen. Also habe ich angefangen, weniger an sie zu denken und mehr daran, selbst ruhig im Raum zu sitzen, ohne ein Ergebnis zu wollen. Das klingt nach nichts, ist aber verdammt schwer, wenn man eigentlich nur wissen will, ob es funktioniert.
Manchmal überkommen mich Zweifel, ob die Tierkommunikation überhaupt klappt, besonders an Tagen, an denen sie stundenlang gar nicht auftaucht und ich nur auf eine leere Ritze unterm Sofa starre. Es gibt Tage im Tagebuch, an denen einfach – nichts steht. Die schreibe ich trotzdem auf.
Stimmungen lesen, die keiner ausspricht
Jakub, ein Kollege aus meinem Co-Working-Space in Lindenau, hat mich letzte Woche gefragt, woran ich eigentlich merke, dass bei ihr gerade etwas anders ist, wenn sie sich doch nie bewegt. Keine ungläubige Miene, nur eine genaue Frage – so ist er einfach.
Seine Frage hat mir geholfen, es in Worte zu fassen, die auch außerhalb von Katzendingen funktionieren: Es ist wie in einem Büro, in dem plötzlich keiner mehr redet, obwohl äußerlich nichts passiert ist – man spürt die Anspannung trotzdem, an der Körperhaltung, an der Lautstärke der Tastatur, an irgendwas, das man nicht benennen kann. Bei ihr sind es die Ohren, die Stellung der Schnurrhaare, wie tief sie sich zusammenzieht, wenn ich zu schnell durch den Flur laufe.

Was sich nach sieben Wochen wirklich verändert hat
Beim letzten Impftermin, ungefähr in der siebten Woche seit Kursbeginn, hat sie sich in der Box zusammengerollt und keinen einzigen Laut von sich gegeben – kein Schreien, kein Kratzen an der Gitterklappe, nur dieses stille Sich-klein-Machen. Die Assistentin hat mich gefragt, ob es überhaupt dieselbe Katze ist wie beim letzten Mal.
Ottoline, eine Stammleserin, die hier ab und zu kommentiert, hat neulich unter einen früheren Eintrag genau einen Satz geschrieben: dass ruhig sein manchmal mehr Arbeit ist als irgendetwas zu tun. Mehr stand da nicht, aber ich denke seitdem öfter daran.
Eine Sache steht für mich nach diesen sieben Wochen fest: Sicherheit für sie fängt bei meiner eigenen Ruhe an, nicht bei dem, was ich für sie tue. Wenn ich merke, dass ich mit einer Erwartung den Raum betrete – heute soll sie rauskommen, heute muss sich was zeigen –, dann setze ich mich bewusst erstmal nur hin und atme, bevor ich überhaupt in ihre Richtung schaue. Das ist keine Garantie für irgendetwas. Aber es ist der einzige Teil davon, den ich wirklich in der Hand habe.
Vielleicht bringt die Stimmung unter dem Sofa mental zu verändern am Ende weniger, als der Kurs verspricht. Aber meine eigene Unruhe aus einem Raum rauszunehmen, in dem ohnehin schon genug Angst ist – das kann ich tun, unabhängig davon, ob am Ende irgendein Bild bei ihr ankommt oder nicht.