
Das graue Kissen wandert schon wieder, einen halben Meter nach links, dann zurück, dann noch einmal nach links. Ich schiebe es durch meine Leipziger Wohnung, wie ich sonst ein Logo auf dem Raster verschiebe, während unter dem Sofa zwei gelbe Augen jede Bewegung mitzählen. Tierschutzkatze, vier Jahre alt, seit sechs Monaten aus Rumänien hier und seit sechs Monaten in ihrem Versteck. Ich bin Anfängerin in Sachen Tierkommunikation, zu 70 Prozent skeptisch, und ich versuche gerade herauszufinden, wo in dieser Wohnung überhaupt Platz für so etwas ist.
Vorab, damit du nicht bis zum Schluss suchen musst: Die Ecke, die bei mir funktioniert, liegt NICHT vor dem Versteck der Katze. Sie ist leer, sie hat keinen Blick auf meinen Schreibtisch, und sie liegt ein Stück vom Sofa entfernt. Mehr braucht es nicht. Der Rest ist die Geschichte, wie ich dahin gekommen bin.
Wo in meiner Leipziger Wohnung nichts zur Ruhe kam
Seit zwei Monaten mache ich den Basiskurs, und es fühlt sich immer noch VÖLLIG ABSURD an, das laut auszusprechen. Ich bin der Typ Mensch, der erst an etwas glaubt, wenn es als Vektorgrafik vorliegt.
Vor dem Kurs hatte ich es mit Vernunft versucht. Eine Katzenverhaltensberatung per Videocall gebucht, mitgeschrieben, brav alles umgesetzt. Die Tierärztin hatte ohnehin gesagt, dass körperlich nichts auffällt. Die Katze blieb, wo sie war, und jeder Tierarztbesuch wurde weiter zum Drama.
Am Anfang des Kurses dachte ich, ich müsste mich einfach direkt vor das Sofa setzen. Da ist die Katze, da bin ich — logisch, oder? Falsch. Ich saß mit meinem Notizbuch da, starrte unter das Sofa und fühlte mich wie eine Stalkerin. Die Katze starrte zurück, die Pupillen riesig, und ich hörte förmlich ihren Gedanken: „Warum geht diese Frau nicht einfach weg?"

Mein Problem war aber nicht nur die Katze. Die Wohnung selbst war ein einziges Chaos, so sehr ich sie als Designerin auch mag: ungenutzte Spielangeln, drei verschiedene Katzenhöhlen, überall Überreste meiner gescheiterten Versuche. Kaum wollte ich ruhig werden, fiel mein Blick auf die Deadline vom nächsten Morgen.
An Tagen, an denen ich vom Augustusplatz zurückkomme, ist mein Kopf ohnehin voller Stadtlärm. Der Balkon, den ich mir als stille Zuflucht vorgestellt hatte, war keine — jede Sirene, jedes vorbeifahrende Auto schlug durch. Die Katze zuckt bei solchen Geräuschen mit den Ohren, lange bevor ich überhaupt etwas registriere.
Das Versteck der Katze: eine Tabu-Zone
Das hat mich im Kurs am meisten irritiert: Man soll NICHT dort kommunizieren, wo das Tier seinen festen Rückzugsort hat. Ich dachte immer, ich muss nah ran. Die Kursleitung meinte, ein Tier sei an seinem sicheren Ort für einen Austausch oft am wenigsten offen — es ist ihr Bunker, und wer dort anklopft, beißt auf Granit. Ob das so stimmt, kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, was bei mir passiert ist: Vor dem Sofa passierte GAR NICHTS, außer dass die Pupillen größer wurden.
Also suchte ich mir eine ungenutzte Ecke neben dem großen Bücherregal, dort, wo die alten Design-Jahrbücher stehen, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr angefasst habe. Als Grafikdesignerin weiß ich, wie wichtig White Space ist. Ich brauchte White Space für den Kopf. Der Stapel alter Zeitschriften kam weg, ein schlichtes graues Meditationskissen kam hin. KEINE KRISTALLE, KEINE RÄUCHERSTÄBCHEN. Nur ein Platz, der weder nach Arbeit noch nach Katzen-Drama riecht.
Unter den Oberschenkeln das Parkett, hinter mir der Geruch von altem Papier, das ist inzwischen mein Anker. Ein Meditationskissen bei einer Grafikdesignerin mit Rastersystem: Würden meine Kunden das sehen, sie nähmen mich nie wieder ernst. Aber es funktioniert besser als alles, was ich vorher probiert habe.
Achtsamkeit als Designaufgabe: die Ecke ohne Umbau
Wenn du gerade erst anfängst und dich fragst, ob du dein ganzes Wohnzimmer umbauen musst: Nein. Drei Dinge machen bei mir den Unterschied zwischen „Ich bilde mir das alles nur ein" und „Huch, war da gerade wirklich was?".
Neutralität kommt zuerst. Such dir eine Stelle, von der aus du nicht auf deine To-do-Liste starrst — mein Kopf schaltet nicht auf Empfang, solange er nebenbei Schriftarten für das nächste Logo aussortiert. Mein Test ist simpel: Setze ich mich hin und mein erster Gedanke ist die Deadline, ist der Platz falsch.
Dann der Abstand. Ich sitze etwa drei Meter vom Sofa entfernt, um die Ecke, und sehe die Katze von dort höchstens aus dem Augenwinkel. Werden ihre Pupillen wieder so groß wie damals beim Anstarren, rücke ich weiter weg. Es ist ein bisschen wie im Büro neben jemandem, der kaum redet: Man drängt nicht, man ist einfach da, und irgendwann liest man die Stimmung an Kleinigkeiten ab.
Zuletzt die Akustik. Absolute Stille gibt es in einer Stadtwohnung nicht, aber Waschmaschine und Spülmaschine bleiben aus, bevor ich mich setze.
Seit dem ersten Tag in der Ecke schreibe ich meine Beobachtungen auf, mein „Vielleicht-Tagebuch". Ein Eintrag von Mitte August lautet: „Keine Reaktion. Katze hat sich nicht bewegt. 20 Minuten lang nur an eine Wiese gedacht. Fühle mich wie ein Idiot." Solche Tage gab es viele. Irgendwann in der Mitte des Kurses saß ich mit geschlossenen Augen da und hatte plötzlich das Bild einer sehr kalten, nassen Pfote im Kopf. Nichts Spirituelles, eher wie eine körperliche Erinnerung an etwas, das ich nie erlebt habe. Ob das von ihr kam oder aus meinem eigenen Kopf, weiß ich nicht. Ich habe es aufgeschrieben, mit Fragezeichen.

Ich bin keine Tierärztin und keine Verhaltensberaterin. Hört die Katze auf zu fressen, sitze ich sofort wieder in der Praxis, egal wie viel Drama das bedeutet. Ottoline, die hier hin und wieder kommentiert, fragt bei jedem Eintrag als Erstes, was die Tierärztin zuletzt gesagt hat — und sie hat recht damit. Tierkommunikation ist für mich ein Zusatz, kein Ersatz. Ein Versuch, die 70 Prozent Skepsis langsam kleiner zu bekommen.
Jakub aus dem Co-Working schickte mir neulich wieder eine Tierverhaltensstudie, ohne ein Wort dazu. Ich lese das als stillen Kommentar: erst beobachten, dann urteilen.
In einem meiner früheren Berichte habe ich darüber geschrieben, wie es ist, Tierkommunikation lernen für Anfänger ohne spirituelle Vorkenntnisse anzugehen – und genau diese Bodenständigkeit versuche ich mir in meiner Ecke zu bewahren.
Eine Pfote, ein Schnurren und kein Beweis
Letzte Woche saß ich an einem regnerischen Nachmittag wieder dort, etwa in Woche acht des Kurses. Grau draußen, typisches Leipziger Schmuddelwetter, keine Erwartungen. Ich versuchte nur, dieses Gefühl von Sicherheit auszusenden — was auch immer das heißt.
Dann hörte ich ein leises Kratzen auf dem Parkett.
Sie kam nicht raus, nein. Aber eine einzige Pfote schob sich unter dem Sofa hervor, nur ein kleines Stück, und blieb dort ein paar Minuten liegen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich ihr Brustkorb gleichmäßig hob und senkte — hören konnte ich davon fast nichts. Ich vergaß selbst fast zu atmen.
In einer der Nächte danach lag ich schon im Bett, das Licht aus, als in meinem Schlafzimmer zum ersten Mal seit einem halben Jahr ein Schnurren zu hören war, und ich traute mich nicht, mich umzudrehen.
War das Tierkommunikation? Oder war es einfach der richtige Moment, die richtige Nacht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Ecke mir hilft, die Ruhe zu finden, die ich im stressigen Job oft verliere. Es geht darum, Sicherheit für Straßenkatzen aus Rumänien durch feste Routinen im neuen Alltag zu schaffen, und meine Routine ist jetzt eben dieses Sitzen am Bücherregal.
Wenn du auch so eine Angstnase zu Hause hast, die sich seit Wochen versteckt: Bau dir diese Ecke. Nicht für die Katze, sondern für dich. Damit du aufhörst, sie zu bedrängen, und anfängst, einfach nur da zu sein. Vielleicht bildest du dir die ersten Erfolge nur ein — ich tue das wahrscheinlich auch oft — aber solange diese eine Pfote unter dem Sofa hervorkommt, ist mir das egal. Ich trage es in mein Raster ein. Mit viel White Space drumherum.