
Zwölf Minuten. So lange sitze ich inzwischen ungefähr auf dem kalten Boden vor dem Sofa, bevor mein rechtes Bein komplett einschläft und ich merke, dass ich mich kaum noch rühren kann. Genau diese zwölf Minuten sind für mich mittlerweile eine Art Maßstab geworden – dafür, wie viel mentale Energie so ein Vormittag mit einer Angstkatze frisst, bevor überhaupt der erste Kundentermin ansteht.
Ich bin Grafikdesignerin in Leipzig, sitze den ganzen Tag vor Illustrator-Dateien mit klaren Deadlines, und komme dann nach Hause zu einer rumänischen Straßenkatze, die sich seit ihrem Einzug unter dem Sofa versteckt und mit keinem Zeitplan der Welt etwas anfangen kann. Mentale Gesundheit klingt nach einem großen Wort für „ich bin einfach nur müde" – aber genau das beschreibt es bei einer Angstkatze ziemlich präzise. Eine Freundin, die seit einer Weile in einem Keramikkurs in Plagwitz töpfert, hat mir halb im Scherz vorgeschlagen, es mal mit Tierkommunikation zu versuchen, und seitdem stelle ich mir und anderen Katzenmenschen ständig dieselben Fragen.
Die mentale Erschöpfung hinter jeder Angstkatze
Design-Probleme lassen sich strukturieren. Eine Angstkatze nicht. Genau da liegt für mich der Kern der Erschöpfung: man wendet Kontrolle auf etwas an, das sich nicht kontrollieren lässt, und merkt oft erst spät, wie sehr einen das auslaugt.
Jeden Morgen scanne ich unbewusst jedes Detail – eine Bewegung unterm Sofa, ein Rascheln, eine Pfote, die sich kurz zeigt und wieder verschwindet. Diese Dauer-Wachsamkeit ist das eigentlich Erschöpfende, nicht die Katze selbst. Die Tierärztin hat bei unserem letzten Besuch gesagt, ihre Körpertemperatur und alle anderen Werte seien tipptopp – körperlich fehlt ihr nichts. Mental ist trotzdem eine Mauer da, bei ihr und ehrlicherweise auch bei mir.
Seltsam finde ich vor allem, dass sich diese Erschöpfung anders anfühlt als eine normale Nachtschicht vor dem Rechner. Sie zieht sich in den Alltag, in Meetings, in Gespräche mit Kundinnen. WENN MEINE AUFTRAGGEBER WÜSSTEN, DASS ICH ZWISCHEN ZWEI BRANDING-CALLS AUF DEM BODEN SITZE UND VERSUCHE, MIT EINER KATZE ZU „SPRECHEN", WÜRDEN SIE SICH WAHRSCHEINLICH FRAGEN, OB ICH NOCH GANZ BEI TROST BIN.

Was bei uns nicht funktioniert hat
Vor ihrem letzten Tierarzttermin hat sie von der Tierärztin Beruhigungstropfen bekommen, extra für den Transportboxbesuch. Genutzt hat es nichts – sie hat trotzdem die komplette Fahrt über die Karl-Liebknecht-Straße hindurch laut geschrien und sich in der Box in eine Ecke gepresst, als würde ich sie foltern. Ich habe danach tagelang das Gefühl gehabt, komplett versagt zu haben.
Mentale Vorbereitung auf so einen Tierarztbesuch ist inzwischen für mich wichtiger geworden als jede Tropfenlösung, auch wenn ich noch lange keine Patentlösung dafür habe. Feste Routinen, die einer Straßenkatze aus Rumänien Sicherheit geben – gleiche Fütterungszeiten, gleiche Wege durch die Wohnung, möglichst wenig Überraschungen –, scheinen langfristig mehr zu bringen als jede einzelne Maßnahme kurz vor einem stressigen Termin.
Im Tierkommunikation Basis Kurs die Angst meiner Katze besser spüren zu lernen, geht es genau um diesen Unterschied: nicht in der akuten Krise reagieren, sondern vorher schon eine andere Grundhaltung aufbauen.
Ist Tierkommunikation nur eine andere Art des Zuhörens?
Manchmal vergleiche ich es mit einer Kollegin, die im Meeting kaum etwas sagt. Man lernt irgendwann, an einem kurzen Blick oder einer veränderten Sitzhaltung zu erkennen, dass etwas nicht stimmt, obwohl kein Wort fällt. Bei der Katze ist es ähnlich – nur dass ich mir ständig die Frage stelle, ob ich das wirklich „empfange" oder ob ich einfach nur gut darin geworden bin, Muster am Arbeitsplatz und zu Hause gleichermaßen zu lesen.
Ob diese kleinen Signale echt sind oder Einbildung, frage ich mich fast jeden Tag – eine Unterscheidung, die wohl jede skeptische Anfängerin irgendwann für sich klären muss. Den Unterschied zwischen einem tatsächlichen Bild „von ihr" und meiner eigenen Fantasie sicher zu erkennen, kann ich bis heute nicht zuverlässig. Manche im Kurs beschreiben, dass sie gar keine Bilder wahrnehmen, sondern nur Gefühle – das würde mir persönlich mehr liegen als die Bildersache, aber ich bin da bisher einfach nicht so weit.
Genau in dieser Unsicherheit übe ich gerade, das Ganze trotz aller Skepsis überhaupt ernst zu nehmen, ohne mich selbst dabei komplett zu verlieren.
Woran ich echten Fortschritt erkenne
Ich erinnere mich an einen ganz gewöhnlichen Morgen, an dem ich in die Küche kam und der Futternapf zum ersten Mal komplett leer war – nicht nur angeknabbert, sondern wirklich leer, als hätte sie ohne jede Angst durchgegessen. Ich hätte fast angefangen zu heulen, dabei war das objektiv gesehen einfach nur ein sauberer Napf.
Körpersprache zu lesen – Ohrenstellung, Schwanzhaltung, das langsame Blinzeln in meine Richtung – trainiere ich nebenbei mit, ohne dass ich behaupten würde, darin schon richtig gut zu sein. Manche nennen das langsame Blinzeln ein gutes Zeichen von Vertrauen, und genau so hat es sich in dem Moment auch angefühlt.
Vertrauen aufzubauen, ohne sie dabei zu bedrängen, ist am Ende wahrscheinlich wichtiger als jede einzelne Technik aus dem Kurs. Fortschritt bei einer Tierschutzkatze erkennt man oft zuerst daran, dass typisches Fluchtverhalten seltener wird, nicht daran, dass plötzlich alles anders ist. Eine Katze trägt ihre Jungen übrigens 63 Tage aus, ohne dass sich daran irgendetwas beschleunigen lässt – ein Gedanke, der mir hilft, wenn ich ungeduldig werde.
Fragen, die mir andere Katzenmenschen stellen
Ob es reicht, sich einfach richtig vor das Sofa zu setzen, ohne die Katze weiter zu bedrängen? Das fragen mich erstaunlich viele, und ja, allein die Art, wie man sitzt und wie lange, macht offenbar schon einen Unterschied.
Was mentale Bilder eigentlich genau sind, die man angeblich senden oder empfangen kann, ist für Anfängerinnen nochmal ein ganz eigenes Kapitel, das ich hier gar nicht auffächern kann.
Distanzarbeit, bei der man komplett ohne körperliche Nähe kommunizieren soll, habe ich bisher genau einmal ausprobiert und kann noch nicht sagen, ob das bei mir überhaupt funktioniert.
Eine Einhandrute, mit der manche angeblich die Bedürfnisse ihres Tieres testen, habe ich noch nie angefasst und traue mich auch nicht so recht ran.
WARUM FUNKTIONIERT ES AN MANCHEN TAGEN EINFACH GAR NICHT? Der eigene Kopf blockiert offenbar ständig Bilder, wenn man selbst zu angespannt ist – ein Problem, an dem im Kurs ziemlich viele arbeiten, nicht nur ich.
Die eigene Intuition zu trainieren, während man innerlich die ganze Zeit mit sich selbst streitet, ist eher ein Balanceakt als eine Technik, die man einfach lernt. Innere Ruhe zu finden, während das Gedankenkarussell im Kopf nicht aufhört zu drehen, fällt mir dabei fast schwerer als alles andere im Kurs.
Bilder aktiv zu senden statt nur zu empfangen, üben wir im Basiskurs erst in einem der späteren Module – bei mir hat das bislang kaum geklappt.
Was so ein Straßenleben an Traumata hinterlässt und welche mentalen Übungen dabei helfen sollen, ist nochmal ein größeres Thema für sich, zu dem ich noch zu wenig weiß, um seriös etwas zu sagen.
Meine Beobachtungen zeichne ich mir mittlerweile manchmal auf, statt sie nur in Worte zu fassen – beruflich bedingt vermutlich, aber es hilft mir, Muster überhaupt erst zu sehen.
Ob und wann ein Aufbaukurs nach den bisherigen kleinen Erfolgen überhaupt sinnvoll wäre, kann ich noch nicht beantworten, und ich finde, das muss man auch nicht überstürzen.
Diese ersten Tage, an denen man im Tagebuch einfach gar nichts einträgt, weil rein gar nichts passiert ist, kennt wahrscheinlich jede Anfängerin – bei mir gab es davon mehr, als mir lieb war.
Wenn du selbst gerade völlig erschöpft vor einer Angstkatze sitzt, wäre mein konkretester Tipp: Miss den Fortschritt nicht an einem großen Ergebnis, sondern an kleinen, wiederholbaren Zeichen – ein voller Napf, ein Blinzeln, eine Pfote, die kurz herauskommt und wieder verschwindet. Genau dieses Loslassen vom eigenen Kontrollanspruch ist der Teil, der mir tatsächlich neue Kraft zurückgibt, nicht die Technik selbst. Ich übe noch, Tierkommunikation trotz großer Skepsis in meinen Alltag einzubauen, ohne mir dabei etwas vorzumachen – aber genau dieses Üben selbst kostet inzwischen weniger Kraft, als es am Anfang gekostet hat.